Humor als geistige Waffe in Kriegszeiten
Es klingt überaus merkwürdig oder paradox, über Humor im Krieg zu reden. In den vielen aktuellen Konflikten gab und gibt es überhaupt nichts zu lachen. Dennoch scheint einer der ersten Reflexe von Bevölkerungen, die unter einer Besatzung, unter einer Bombardierung und unter Nahrungsmittelknappheit leiden, die zu sein, auf die um sie herrschende Brutalität mit Humor zu antworten.
Kann man sich also mächtigen Armeen mit Witzen oder mit Waffen des Geistes entgegenstellen? Wenn der Schwache über den Starken lacht, scheint alles möglich. Denn es geht auch darum, die Hoffnung auf eine zukünftige Umkehr des Machtgefüges aufrecht zu erhalten. Und es geht darum, einen Versuch zu wagen, eine andere Wirklichkeit als die aktuelle übermächtige zu gestalten. Und in den so widrigen Umständen bewahrt sich im Lachen der Menschen die Gabe die Schwere und die Not in eine Leichtigkeit zu verwandeln.
Humor stellt also auch Gesellschaft her. Und in der Ukraine ist Humor sehr schnell zu einer energischen Waffe des Widerstands geworden, glaubt man der Zeitschrift Charlie Hebdo, die am 25. Mai 2022 den Zeichnungen ukrainischer Karikaturisten sogar eine Sonderausgabe gewidmet und sie auf diese Weise geehrt hat.
Eine Karikatur zeigte zum Beispiel übermalte Straßenschilder, mit denen die Invasionsarmee empfangen wurde und auf denen in Richtung des Internationalem Strafgerichtshofs in Den Haag verwiesen wird. Es nimmt das Versprechen vorweg, dass ihre Kriegsverbrechen verurteilt werden. Eine junge Ukrainerin sagte in diesem Zusammenhang auch: „Humor motiviert zu leben“. „Wir lachen, weil wir Widerstand leisten“, sagte die damalige ukrainische First Lady vor laufenden Fernsehkameras.
Der Verein der Karikaturisten in Odessa hat sich dieses Überlebensmotto zu einer Art Selbstverpflichtung gemacht. Und im Comedy Club Kiew erzählte ein Comedian dem Publikum über eine offensichtlich von allen geteilte Erfahrung, dass es nicht gut sei, bei Luftalarm alleine zu sein. Daher werden auch Comedyabende in unterirdischen Schutzräumen organisiert, um nicht durch Bombardierungen unterbrochen zu werden. T-Shirts mit dem Aufdruck „Worte sind unsere Waffe“ wurden zum Verkaufsschlager.
Über wen wird gelacht? Wortspiele und parodistische Texte sind jeweils länderspezifisch und werden vom Humor der Widerständigen immer wieder neu aktualisiert. Sie werden von der Zuhörerschaft verstanden und erzeugen somit eine Art Komplizenschaft. Dieser Widerstand erzeugt allein durch seine Existenz eine Gegengesellschaft und eine Gegensprache, die sich auch am Wiederaufbau gemeinsamer Werte beteiligt. Es ist eine Kultur aus gesundem Menschenverstand und Sarkasmus. Und jede*r fühlt sich angesprochen.
Allerdings ist zu beobachten, dass das Lachen mit der Zeit aggressiver und roher wird. Aber es überschreitet nie eine stillschweigend anerkannte Grenze, nämlich sich gegen Opfer oder Verfolgte zu richten, sondern es werden nur die Gegner der Lächerlichkeit preisgegeben. Nach nun mehr als zweieinhalb Jahren Krieg in der Ukraine sind die Formen des Sarkasmus auch zu einem schmerzvollen Humor übergegangen, in dem sich große Besorgnis ausdrückt.
Auch die israelischen Comedians haben sich nach dem 7. Oktober 2023 dazu entschieden, zusammen zu stehen. Sie haben sich eine nicht überschreitbare Grenze gesetzt, ebenso wie die arabisch- israelischen Comedians, nämlich lieber zu schweigen, um Konfrontationen nicht zu verstärken.
Der Humor der Widerstandskämpfer kann auch als eine Art Geheimsprache gelten, die vor allem darin besteht, die Macht der vermeintlichen Sieger zu dekonstruieren. Gleichzeitig ist er eine Kampfansage und damit eine paradoxe Waffe, nämlich dem Gegner oder Feind jegliche Macht abzusprechen. Sie ist in gewisser Weise auch ein Kampf gegen den heimlichen Wunsch aufzugeben. Und so lässt sich verhindern, dass das Leben mit und neben dem Feind zur Gewohnheit wird.
Auch Niederlagen durch Humor zu verleugnen, ist eine Art Verteidigung der eigenen geistigen Freiheit und bedeutet die Hoffnung auf die Zukunft nicht aufzugeben. Und es hat, so merkwürdig es klingt, auch mit Würde zu tun, nämlich weiterhin selbst zu denken.
Wenn es also darum geht, eine Gemeinschaft wiederherzustellen, neigt das Lachen dazu, Verbindungen zu knüpfen oder zu reparieren, die zerstört worden sind. Das Lachen sorgt für eine politische Einheit und ist ein universell einsetzbares Ventil. Der Umgang mit Humor knüpft übrigens an eine Tradition der politischen Respektlosigkeit an, die seit der französischen Revolution eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.
Eine starke geistige Waffe ist auch die Entlarvung des herrschenden Diskurses und der offiziellen Argumentationen. Und sie hat zum Ziel, die Zukunft so auszumalen, wie man sie sich erhofft. D. h. die Waffe des Humors verleiht dem Widerstand Kraft oder wie es ein Vater seinen Kindern beibrachte: während der Bombardierung zu lachen als Mittel gegen die Angst und die Verzweiflung. Das Lachen der Kinder zerstörte so das Gefühl auch der psychischen Zerstörung.
Lachen und Humor sind keine Allheilmittel, aber sie helfen der verwundeten Seele und der Traurigkeit, den Blick auf eine friedfertige Zukunft zu behalten.
Dr. Dorothee Schlegel